Die Verbreitung
Die Hüftgelenksdysplasie (HD) ist eine weit verbreitete angeborenen Fehlentwicklung des Hüftgelenks.
Die HD kommt bei fast allen Hunderassen vor, wobei es Hunderassen gibt, die stärker betroffen sind (ein typisches Beispiel ist der Deutsche Schäferhund, auch Rottweiler und Boxer sind prädisponierte Rassen). Die HD bei Hunden ist die häufigste Erkrankung der Hüfte und schon längere Zeit bekannt (1935 wurde erstmals über Fälle von Hüftgelenksdysplasie bei Deutschen Schäferhunden in den USA berichtet).
Die Ursache
In den letzten Jahren wurde intensiv versucht, die Ursache der HD bei Hunden zu klären. Dabei wurden die verschiedensten Theorien über begünstigende Faktoren aufgestellt. Unumstritten ist die genetische Basis dieser Erkrankung, wobei es sich um eine polygenetische Vererbung handelt, das heisst, dass mehrere Gene die Anlage zur Ausbildung der HD beeinflussen. Dadurch kann die Erkrankung in verschiedenen Abstufungen im Schweregrad auftreten. Um welche Gene es sich genau handelt, konnte bislang noch nicht geklärt werden.
Neben den genetischen Faktoren spielen auch umweltbedingte Einflüsse beim Ausmaß der Krankheit der HD eine wichtige Rolle. Übermäßige oder kalorienmässig zu hoch dosierte Fütterung können das Fortschreiten von HD begünstigen, da schnell wachsende Hunde schwerer an HD erkranken, als ihre langsamer wachsenden Artgenossen. Ausserdem können die Fehlernährung mit den Mineralstoffen Kalzium und Phosphor sowie ein inadäquates Verhältnis von Natrium und Kalium zu Chlorid während der Wachstumsphase dysplasiefördernd wirken.
Die Entwicklung
Meist wird die HD auf die Instabilität bzw. Lockerheit des Hüftgelenks zurückgeführt. Andere Fachleute sind der Ansicht, dass primär die zu flache Gelenkpfanne oder der zu kleine Gelenkkopf bzw. die mangelhafte Entwicklung von Gelenkpfanne und Gelenkkopf vorliegt. Daraus resultiert die sekundäre Gelenkinstabilität.
Beim instabilen Hüftgelenk ist der Gelenkkopf mehr oder weniger schlecht in der Pfanne fixiert und verändert dadurch seine Lage bei jeglicher Bewegung. Durch die vom Gewicht des Tieres und den Muskeln ausgeübten Kräfte wird vermehrt Druck durch den Oberschenkelkopfes gegen den vorderen äußeren Pfannenrand ausgeübt. Dadurch bleibt die Pfanne im Wachstum zurück und wird flacher. Dies führt zu einem stärkeren Heraustreten des Kopfes aus der Pfanne. Damit erhöht sich der Druck auf den Pfannenrand und er flacht weiter ab.
Die Lageveränderungen des Gelenkkopfes wird in "Subluxation" und "Luxation" eingeteilt. Bei der Subluxation liegt mehr als die Hälfte des Gelenkkopfes außerhalb der Pfanne. Bei der Luxation ist der Kopf vollständig aus der Pfanne herausgetreten.
Die HD ist nach dem Abschluss des Skelettwachstums (bei mittelgroßen Rassen im Alter von einem Jahr) voll entwickelt. Danach treten nur noch sekundäre arthrotische Veränderungen auf, die sich mit zunehmendem Alter verstärken.
Die Arthrose des Hüftgelenks (Coxarthrose) ist eine degenerative Erkrankung, d. h. dass mit ihr Verschlechterungen einhergehen. Sie kommt durch Inkongruenz ("nicht-aufeinander-passen") im Gelenk zustande. Der Druck wird nicht gleichmäßig über die gesamten tragenden Gelenkknorpeloberflächen verteilt, sondern es treten aufgrund der pathologischen Verkleinerung der tragenden Fläche sogenannte Druckspitzen auf.
Durch die Druckspitzen kommt es zur mechanischen Überbeanspruchung und damit zur Zerstörung des Knorpels. Er wird aufgerauht, matt und beginnt sich aufzufasern. Es findet ein fortschreitender Knorpelabrieb bis auf den subchondralen Knochen statt. Während des Knorpelabriebes wird der darunter liegende Knochen umgebaut. Dieser versucht die Belastung durch Neubildungen von verdichtetem und härterem Knochen entgegenzuwirken (subchondrale Sklerose). Dabei verkürzt sich mit zunehmendem Druck der sklerotische Bereich und nimmt an Breite zu. Durch die Knochensklerose wird jedoch der Knorpel, dem der subchondrale Knochen als Widerlager dient, zusätzlich geschädigt, da er auf die härtere Unterlage gepresst wird.
Die Gelenkkapsel, die beim gesunden Hüftgelenk pergamentpapierdünn, halbdurchscheinend und weich ist, wird bei arthrotischen Hüftgelenken bis zu 10 mm dick und knorpelig hart. Es entstehen beim Ablauf der arthrotischen Prozesse sekundäre Entzündungen der Gelenkkapsel (reaktive Synovialitis), da die bei der Knorpelzerstörung freiwerdenden Abbauprodukte Reizzustände in der Kapsel hervorrufen. Aus der Entzündung resultiert eine Vermehrung und Änderung der Zusammensetzung der Gelenkflüssigkeit, was die weitere Knorpeldestruktion begünstigt, man spricht dann auch von einer Arthritis.
Alle beschriebenen Veränderungen führen letztendlich zu Schmerzen und Lahmheiten.
Die Anatomie
Das Hüftgelenk (Articulatio coxae) des Hundes wird aus der Gelenkpfanne (Acetabulum) des Hüftbeins (Gelenkpfanne - Hüftbein) und dem Gelenkkopf (Caput ossis femoris - Oberschenkelkopf) gebildet.
In der Gelenkpfanne vereinigen sich das Darmbein (Os ilium), das Schambein (Os pubis) und das Sitzbein (Os ischii) des Beckens.
Der Gelenkkopf entspricht bis auf eine ovale kleine Grube, Fovea capitis, fast der Form einer Halbkugel. Seitlich außen des Gelenkkopfes besitzt das Os femoris den einen großen Knochenfortsatz, Trochanter major. Seitlich innen am Oberschenkel liegt der Trochanter minor. Die Knochenfortsätze dienen als Ansatzstelle für die Muskeln des Hüftgelenkes.
Die Gelenkflächen sind von elastischem, glatten Gelenkknorpel überzogen. Zwischen den Knorpelflächen ist der Gelenkspalt zu finden. Er enthält die Synovia, eine klare visköse Flüssigkeit. Sie ermöglicht ein besseres Gleiten der Gelenkflächen und ernährt den Gelenkknorpel.
Umschlossen ist das Hüftgelenk von der Gelenkkapsel (Capsula articularis). Sie geht oberschenkelwärts vom Gelenkrand in das Knochenhäutchen (Periost) des Oberschenkelknochens (Os femoris) und in den Rand der Gelenkpfanne über.
Der Rand der Gelenkpfanne ist durch den faserknorpeligen Ergänzungssaum, dem ringförmigen Faserknorpel erhöht. Dadurch wird die Pfanne vergrößert und sie umfasst den Femurkopf um mehr als die Hälfte. Daher wird das Hüftgelenk als eine besondere Form des Kugelgelenkes, als Nussgelenk, bezeichnet.
Einige Hunderassen variieren im anatomischen Erscheinungsbild des Hüftgelenkes in Form von rassebedingte Besonderheiten in der anatomischen Darstellung der Gelenkpfanne und des Gelenkkopfes.
Bild 1:
Azetabulum des Hundes (Nickel et al,. 1992)
a : Os ilium
b : Os pubis
c : Os ischii
1 : Facies lunata
2 : Fossa acetabuli
3 : Inc. Acetabuli
Bild 2:
Hüftgelenk eines Schäferhundes; nach Eröffnung, des Oberschenkelbeins, lateral herausgezogen. ventrolaterale Ansicht (Baum und Zietzschmann, 1936)
1 : Labrum acetabulare
2 : Lig. transversum
3 : Capsula articularis
4 : Capsula articularis
5 : Caput femoris
6 : Lig. teres
7 : Fossa acetabuli
Die Diagnose
Die klinisch-orthopädische Untersuchung des Hüftgelenkes lässt keine sichere Diagnose der HD zu., trotzdem sollte bei einer auftretenden Lahmheit der Nachhand immer eine genaue orthopädische und ggf. auch eine neurologische Untersuchung des Tieres durchgeführt werden. Eine Vielzahl von anderen Erkrankungen können neben der HD Grund für die Lahmheit sein!
Tiere bis zu einem Alter von zehn Lebensmonaten zeigen plötzlich ein- oder beiderseitige Beschwerden oder Bewegungsunlust. Beim Aufstehen haben sie Schwierigkeiten und gehen intermittierend lahm, das heisst, mal zeigen sie Beschwerden, mal sind sie scheinbar beschwerdenfrei. Dies ist darin begründet, dass der Gelenkkopf nicht genügend Halt in der Gelenkpfanne hat, sondern auf den Rand der Gelenkpfanne rutscht. Dabei wird das Knochenhäutchen (Periost) mit den Nervenfasern gereizt.
Ältere Tiere zeigen Schwierigkeiten beim Aufstehen, Springen ins Auto, Treppenlaufen, Bewegungsunlust und Lahmheit nach Bewegung. Die Becken- und Oberschenkelmuskulatur bildet sich gering- bis hochgradig zurück. Die Probleme resultieren hauptsächlich aus schmerzhaften und fortschreitenden Sekundärarthrosen (Coxarthrose). Allerdings muss bedacht werden, dass auch klinisch unauffällige Tiere eine HD haben können.
Die klinisch-orthopädische Untersuchung beginnt mit der Betrachtung der Gliedmaßen im Stand und in der Bewegung, gefolgt von der Abtastung der einzelnen Gliedmaßen.
Danach werden die tastbaren Knochenpunkte aufgesucht und mit der anderen Gliedmaßenseite verglichen. Es folgt die Streckung (Extension), Beugung (Flexion), Abführen vom Körper weg (Abduktion), Heranführen an den Körper (Adduktion) und Rotation der Gelenke. Dabei wird auf Schmerz, Krepitation (Knirschen), eingeschränkte bzw. übermäßige Beweglichkeit und Subluxation bzw. Luxation geachtet. Anschließend wird die Oberschenkel-Innen-Muskulatur untersucht. Beim jungen Tier kann neben besonderen Lagerungen im Röntgen auch eine besondere klinische Untersuchung durchgeführt werden, der Ortolani-Test: An dem auf dem Rücken liegenden Tier erfasst man beide nahe zueinander gebrachten Kniegelenke und drückt die Oberschenkel gegen das Becken. Bei vorhandener Lockerung gleitet der Gelenkkopf auf oder über den Rand der Gelenkpfanne. Wenn der Gelenkkopf beim Nachlassen des Druckes wieder in die Pfanne gleitet, hört und/oder fühlt man ein "Klicken", den sogenannten Ortolani-Klick oder das Ortolani-Zeichen.
Die endgültige Diagnose der HD beim älteren Hund erfolgt röntgenologisch, da vergleichbare klinische Symptome auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Für die offizielle HD-Röntgenuntersuchung muss z. B. der Deutsche Schäferhund ein Mindestalter von 12 Monaten aufweisen. Aufgrund der Röntgenaufnahme kann eine Einteilung der Ausprägung der HD in fünf Schweregrade erfolgen: A = HD-frei; B = Übergangsform; C = leichtgradige HD; D = mittelgradige HD; E = hochgradige HD.
Die ersten röntgenologischen Veränderungen des Hüftgelenkes lassen sich im Alter von zwei bis vier Monaten erkennen, da zu einem früheren Zeitpunkt das Hüftgelenk knorpelig präformiert ist und diese Anteile im Röntgenbild nicht dargestellt werden können. Daher erlaubt die Interpretation von Röntgenaufnahmen im Welpen- bzw. Junghundealter nur eine begrenzte Aussagefähigkeit. Auch wird zur Zeit die Frühdiagnostik der HD per Ultraschall erforscht.
Die Therapie
Bei der HD handelt es sich leider um eine nicht heilbare Erkrankung. Allerdings gibt es Maßnahmen um ein weiteres schnelles Fortschreiten zu verhindern, sowie Medikamente zur Schmerzlinderung.
Allerdings zeigt nicht jedes Tier, bei dem aufgrund der Röntgenaufnahme HD diagnostiziert wird, Beschwerden.
Bei Hunden, die an Beschwerden durch HD leiden, können verschiedene Therapiewege eingeschlagen werden.
Die klassische Methode umfasst eine Behandlung mit Schmerzmitteln und besonderes Ergänzungsfutter (siehe Hunde / Tierapotheke / Bewegungsapparat). Zusätzlich wird Physiotherapie empfohlen.
Außerdem gibt es operative Maßnahmen, die je nach Schweregrad individuell entschieden werden.
Präventiv sollte bei Rassen mit einer Neigung zu HD oder bei Kenntnis über HD-Fälle bei Eltern- oder Geschwistertieren ein besonderes Ergänzungfuttermittel (s. o.) gefüttert werden.