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Tiershop.de vom 20.12.2006
Encephalitozoonose

Die Encephalitozoonose oder auch Sternguckerkrankheit wird durch einen einzelligen Parasiten hervorgerufen. Sie kann zum Tode der befallenen Tiere führen.

Die Erkrankung

Enzephalitozoon cuniculi (Einzellerinfektion) ist einer der Hauptverursacher von Kopfschiefhaltung und anderen neurologischen Störungen wie Lähmungserscheinungen der Hinterläufe, als auch der Vorderläufe (ohne dass ein Trauma bekannt ist), Gleichgewichtsstörungen und fehlende Koordination (weitere Ursachen von Kopfschiefhaltung sind Traumata im Kopfbereich durch Verletzung, Mittelohrentzündungen durch Pasteurellose (ansteckender Schnupfen) oder andere bakterielle Infektionen, Ohrmilben, Tumore, Viren, Fadenwürmer, Giftstoffe, degenerative Krankheiten, oder Unterernährung mit Vitamin B.

Eine akute Infektion mit Einzellern (Enzephalitozoon cunicul)i kann die Ursache des Krankheitsbildes sein. Frühzeitiges Erkennen und sofortige Behandlung sichern den Heilungserfolg Kaninchen mit Kopfschiefhaltung werden immer wieder in der tierärztlichen Sprechstunde vorgestellt. Nach neueren Untersuchungen ist neben Infektionen mit Bakterien (Pasteurellen) und Ohrmilben vor allem eine Einzellerinfektion für das Krankheitsgeschehen verantwortlich.

Der Parasit

Der weltweit verbreitete Einzeller mit dem exotischen Namen Encephalitozoon cuniculi wurde 1922 zum ersten Mal beschrieben. Er lebt als Parasit in den Zellen seines Wirtes und bildet einkernige, ellipsenförmige Sporen. Werden diese von Kaninchen mit der Nahrung aufgenommen, stülpen sich im Darm Polfäden aus den Sporen aus und bohren sich in die Zellen der Darmwand. Durch den hohlen Polfaden kriecht das einkernige Zellinnere aus und gelangt so ins Innere von Darmzellen, in denen sich diese Einzeller hochgradig vermehren. Nach dieser Vermehrungsphase wird der Parasit über die Blutgefäße in nahezu alle Körperorgane verteilt, wobei die Nieren und das Gehirns besonders betroffen sind.

Die Übertragung

Reife, infektionsfähige Sporen werden mit Urin und Kot ausgeschieden. Die Übertragung von Tier zu Tier erfolgt durch die Aufnahme von Sporen im Futter oder beim Schnüffeln über die Nase. Bei trächtigen Kaninchen ist darüber hinaus eine Übertragung des Parasiten über die Plazenta (Mutterkuchen) auf das Jungtier möglich. Neben Kaninchen können auch Mäuse, Ratten, Meerschweinchen, Hamster, Ziegen, Schafe, Schweine, Pferde, Hunde, Füchse, Katzen und viele Primaten unter Einschluss des Menschen befallen werden. Die Infektion mit Enzephalitozoon cuniculi, genannt "Enzephalitozoonose", ist somit eine Zoonose, d. h. eine vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheit. Allerdings findet eine Übertragung nur bei einer stark eingeschränkten Funktion des Immunsystems statt, so beispielsweise bei Menschen mit HIV-Infektion.

Die Symptome

Beim Kaninchen lassen sich drei Erkrankungsstadien unterscheiden:

  • Stadium 1: chronische Infektion ohne Symptome
  • Stadium 2: akute Erkrankung
  • Stadium 3: chronische Erkrankung nach überstandenem Stadium 2

Die akute Enzephalitozoonose ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Krankheitsbilder, die lange Zeit nicht als zur gleichen Krankheit gehörig erkannt wurden:

  • plötzlich auftretende Kopfschiefhaltung, häufig in Kombination mit krampfartigem Rückwärtsbiegen des Kopfes sowie anfallsartigen Drehbewegungen um die Körperlängsachse, bedingt durch Gehirnentzündung und/oder eine Entzündung der Hirnhäute und/oder
  • Nierenentzündung mit dem klinischen Bild einer übermäßigen Wasseraufnahme sowie eines gesteigerten Harnabsatzes und/oder
  • Lähmungen der Hinter- und zum Teil auch der Vorderextremitäten. In seltenen Fällen kommt es zum plötzlichen Tod.

Auffallend ist, dass innerhalb von Haltungen mit mehreren Kaninchen unter gleichen Haltungsbedingungen häufig nur ein einzelnes Tier erkrankt. Dies führt zu der Annahme, dass außer der Zahl der Infektionserreger auch eine Schwäche des körpereigenen Abwehrsystems des Tieres - wie beispielsweise eine unzureichende Darmbarriere - zur akuten Erkrankung beiträgt. Unterstrichen wird dies durch die Feststellung, dass sich in Blutproben vieler untersuchter Kaninchenpopulationen in unterschiedlichem Grade Antikörper (= vom Immunsystem gebildete Schutzstoffe gegen den Erreger) nachweisen ließen, ohne dass die Tiere Symptome aufwiesen. Bei ihnen lag somit das Stadium 1 der Erkrankung vor. Offensichtlich sind für die Auslösung einer akuten Enzephalitozoonose bestimmte Faktoren wie andere Erkrankungen oder stressbedingte Einflüsse verantwortlich.

Die Diagnose

Der erste Verdacht auf eine Infektion mit Encephalitozoon cuniculi ergibt sich aufgrund der oben beschriebenen Symptome. Er kann durch die Untersuchung einer Blutprobe erhärtet bzw. abgeschwächt werden. Hinweise auf eine akute Enzephalitozoonose sind unter anderem erhöhte Nierenwerte. Gewissheit bietet der direkte Erregernachweis. Durch eine Spezialmethode werden die Sporen des Erregers im Blut deutlich gemacht, sodass man sie mikroskopisch erkennen kann.
Frühzeitige Behandlung ist wichtig

 
Kaninchen mit Kopfschiefhaltung

Die Therapie

Die Therapie besteht aus der Gabe von:

  • entzündungshemmenden Mitteln
  • Vitamin-B-Komplex
  • Antibiotika
  • Infusionen

Die Prognose

Je früher die Erkrankung erkannt wird und je früher die Therapie einsetzt, umso größer ist der Erfolg. In vielen Fällen führt eine Behandlung in den ersten 24 Stunden zu einer deutlichen Besserung, zumindest jedoch zu einem Stillstand des Fortschreitens der Symptome von Seiten des Nervensystems. Gelegentlich wird in den ersten zwei bis drei Tagen eine Verschlechterung des Krankheitsbildes beobachtet. So kann beispielsweise bei bestehender Lähmung der Hintergliedmaßen zusätzlich eine Lähmung der Vorderbeine auftreten. Eine Therapie sollte jedoch dann fortgesetzt werden, wenn die Tiere selbständig fressen und Kot- und Harnabsatz funktionieren. Meist kann am dritten bis fünften Therapietag eine deutliche Erholung festgestellt werden, sodass die meisten Patienten nach einer Woche vollständig wiederhergestellt sind. Bei manchen Kaninchen bleiben Bewegungsstörungen der Gliedmaßen als Restschäden der akuten Infektion zurück, wobei die Tiere ansonsten wieder munter sind, guten Appetit und ein normales Verhalten zeigen (= Stadium 3).

Kommt es trotz Behandlung zu einer drastischen Verschlechterung, insbesondere einer Zunahme der auf eine Gehirnentzündung hinweisenden Symptome, besteht kaum Aussicht auf einen Behandlungserfolg. Aus Tierschutzgründen ist in solchen Fällen die schmerzlose Tötung des Kaninchens in Betracht zu ziehen.

Eine vorbeugende Maßnahme, wie etwa eine Impfung, gibt es bislang leider nicht. Andere Erkrankungen, die für den Ausbruch einer akuten Enzaphalitozoonose von Bedeutung sind, müssen zusätzlich abgeklärt und die Haltungsbedingungen überprüft werden.

Leider handelt es sich hierbei um eine Zoonose, es besteht also theoretisch auch für den Menschen eine Ansteckungsgefahr. Eine Ansteckung ist allerdings sehr selten und bei immunkompetenten Menschen kommen im Allgemeinen keine Ansteckung vor. Kinder, schwache und ältere Menschen und HIV- infizierte sollte man jedoch von einem kranken Tier immer fern halten.

 


 

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